Schreiben berührt

Sonja schreibt von Spiekeroog – einer Insel ohne Autos, mit Kuckuck und Meergeräuschen im Ohr. Und von dem Moment, in dem Schreiben aufhört, Technik zu sein, und anfängt, zu berühren. Was treibt dich ans Schreiben – und was berührt dich dabei?

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Schreiben berührt

Wenn du ans Schreiben denkst, was für ein Bild hast du vor Augen?

Checkin-Frage

Grüße vom Schreibtisch

Moin.

Diese Zeilen kommen von Spiekeroog. Der perfekte Ort zum Schreiben. Eine Insel ohne Autos. Polizisten radeln vorbei. In Abständen klappernde Pferdekutschen. Andere Menschen: zu Fuß. Ich laufe. Gärten, Dünenpfade, am Strand entlang, durch ein Naturschutzgebiet, vorbei an tau-glitzernden Hecken, aus denen es zwitschert und quietscht. Brutzeit. 

Ein Fasan kreuzt meinen Weg und schert sich nicht um meine Ölnerz-Erscheinung, eine Ringelmücke sucht Unterschlupf in meinem Halstuch und bedankt sich mit zwei Stichen in meinen Hals. Natur wuchert und blüht und lässt alle stumm wissen: Hier ist der Garten Eden, wenn du nicht eingreifst.

Und das Meer.

Glatt, schaumig, weit und salzig. Schwemmt seine ewigen Gezeiten ans Ufer und nimmt sie wieder mit sich.

Ich habe das Rauschen noch im Ohr, obwohl ich im Park sitze und mich von der Stille betäuben lasse. Auch in mir ist es still. Inselstillleben mit Bleistift und Heft. Die Natur ist eine große Trösterin, das schrieb ich schon einmal, und eine, die sich schenkt. Die sich jedem schenkt, der ein offenes Ohr hat, einen unverstellten Blick. Natur als Inspiration. Ich schreibe oft davon, rate dazu, tue es aber zu selten selbst. Aber wenn ich es tue, geschieht etwas. Seit neuestem lese ich mir meine Zeilen nach dem Schreiben laut vor. Und merke: Im Zuhören werden meine Worte lebendig, erreichen mich, berühren mich. Schreiben heißt, sich selbst berühren.

Vor einiger Zeit gab ich einen Kurs, in dessen Verlauf einige Schreibende beim Lesen ihrer Geschichten von der emotionalen Kraft ihrer eigenen Worte überwältigt wurden und trotz tränenreicher Rührung tapfer weiterlasen. Auch das berührt mich immer wieder.

Und was berührt dich beim Schreiben? Was treibt dich an?

Ist es das Gefühl, auf einer Insel zu sein, auch wenn ein Bagger die Straße vor deinem Fenster aufreißt? Ist es das Glück, etwas Neues über dich zu erfahren, wenn es dir gelingt, die Gedanken selbständig aufs Papier laufen zu lassen? Ein Erstaunen, wie vertraut und doch seltsam fremd und schön die Worte sich lesen?

Ist es das gute Gefühl, einen Ort für dich allein zu haben, den du jederzeit betreten kannst?

Wäre ja mal Zeit, wo André und ich das seit Jahren predigen. 😊

Es gibt im Journaling einen guten Einstiegssatz, der heißt: Wenn ich schreibe, dann…. Ich habe ihn schon öfter weitergeschrieben und immer wieder neue Ideen, Gedanken und Bilder vorgefunden.

Schreiben auf der Insel. Sich selbst eine Insel sein. Das geht nicht immer. Weiß ich ja. Erfahre ich jeden Tag. Jeden Tag schreiben geht aber immer. Letzte Woche habe ich Einkaufszettel geschrieben, ein Skript für einen Workshop, sehr viele digitale Nachrichten, Mails. Ich habe begonnen, stichpunktartig Wichtiges über meine Mutter festzuhalten – für die Trauerrednerin, wenn das Unvermeidliche irgendwann eintritt. Ich habe Seiten meines Tagebuchs gefüllt und in meinen Laptop neue Ideen für meinen Roman getippt. Und mein Stift hatte sogar die ehrenvolle Aufgabe, wieder für 8 Wochen die immer selben Kästchen des Lotto-Zettels anzukreuzen.

Vielleicht hast du Lust, deinem täglichen und alltäglichen Schreiben auf die Spur zu kommen. Es wäre doch interessant zu wissen, in welchen Situationen du zum Stift oder in die Tastatur greifst. Oder das gerne tun würdest. Und in welchen Formen du dich ausdrückst. Eher Mails oder Briefe, Tagebuch oder (Bullet)Journal. Stichpunktartig oder ausschweifend. Bist du eher der Listen-Typ oder die Assoziative, die Fazit-Zieherin oder der Poet?

Viele dieser Fragen ließen sich mit einer Schreibübung beleuchten. Textform frei.  Überschrift: die Geschichte meines Schreibens. Wenn du nach dem Lesen des Newsletters noch 10-20 Minuten Zeit hast, setz deine Finger auf die Tasten oder nimm den Stift zur Hand und lass dir von deinem Unterbewusstsein etwas über deine Schreiber:innen-Persönlichkeit erzählen. Ein Portrait von dir selbst, flüchtig, intuitiv und jederzeit veränderbar, wenn du das möchtest.

Die Insel ruft. Noch zwei Tage, dann wird mich das Festland mit seinen pulsierenden Armen empfangen. Auch darauf freue ich mich.

Wann warst du das letzte Mal beim Schreiben oder Lesen eines Textes berührt? (Beim Lesen muss es nicht der eigene Text gewesen sein.)

Reflexionsfrage

 

Die Einladung steht, schnapp Dir Stift und Papier und lass die Worte fließen. ♥️

Hab ein schönes Wochenende.

Sonja

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