Goldt am See

Max Goldt schrieb, man merke es Texten an, wenn die Autoren sie nackt schreiben. Freitagnachmittag, keine Idee, der See wartet – und trotzdem entsteht etwas.

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Goldt am See

Womit hast Du Dich zuletzt selbst überrascht?

Checkin-Frage

Grüße vom Schreibtisch

Max Goldt schrieb einmal, dass man es Texten anmerken würde, wenn die Autoren sie nackt schrieben.

Und?

Ist dieser Text anders?

Keine Angst, ich schreibe diese Worte bekleidet. Aber im metaphorischen Sinne bin ich nackt. Denn es ist Freitagnachmittag. Eigentlich Zeit für mich, an den See zu gehen. Nur hat meine Idee für diese Ausgabe von „Leben & Schreiben" weder Sonja noch mich richtig überzeugt.

Also sitze ich hier blank.

Aber auch mutlos?

Eigentlich nicht – denn erst heute Morgen begriff ich einmal wieder, was so wunderbar am Schreiben ist: die Möglichkeit, sich selbst zu überraschen. Freitags schreibe ich auf LinkedIn meinen Wochenrückblick. Und nach einer kurzen Nacht – wir fuhren nach Italien – dachte ich, dass mein Text heute wohl nichts wird. Am Ende – Du ahnst es – war ich doch ganz zufrieden.

Es lohnt sich also, auch wenn man es nicht fühlt, doch immer wieder mit dem Schreiben anzufangen.

Nun muss nur noch eine Idee her:

Mein erster Gang war zu unserer App. Ihr Vorschlag unter der Rubrik „Nachdenken": Verlust und Fortschritt. Da lachte ich auf. Denn meine ursprüngliche Idee hatte mit KI zu tun.

Das Wort „Fortschritt" beschreibt eine Bewegung. Man schreitet von etwas fort.

Wovon trägt uns die KI fort?

Ich bin mir relativ sicher, dass Du als schreibender Mensch eine Meinung zu KI hast.

Und heute möchte ich meine mit Dir teilen.

Denn die KI tut etwas, was vielen vielleicht nicht ganz klar ist: Sie schärft unsere eigenen Positionen. Und gibt Klarheit. Was man will. Und was man nicht will.

Bei mir zum Beispiel: Ich möchte bestimmte Texte selbst schreiben. Immer. Die KI versetzt uns nun in die Lage, dass das Selbst-Schreiben eine Entscheidung ist. Ich hätte diesen Text von Claude schreiben lassen können. Der kennt mich mittlerweile so gut, dass ich ihm zutraue, zumindest was Passables hinzukriegen.

Aber – ich will das nicht. Das ist was anderes. Dieser Text ist etwas anderes: Ich möchte über ihn mit Dir ins Gespräch kommen. Obwohl ich auch an den See möchte. Und ein Klick gereicht hätte.

Bei allem Bedrohlichen, Verrückten und Aufregenden, was diese Technik uns bringt, so schenkt sie uns doch etwas:

Sie wertet unser eigenes Schreiben auf.

Selbst wenn Du noch nie mit einer KI gearbeitet hast, ist jedes Wort von Dir durch sie wertvoller geworden.

Ein verrückter Gedanke?

Nicht, wenn man davon überzeugt ist, dass ein Text von einem nackten Autor anders ist. Es ist die energetische Aufladung der Worte - und Deine eigene, die durch den Prozess des Schreibens entsteht. Und das ist etwas, was keine KI hinbekommt. Und was ich mir nicht nehmen lassen werde.

Jetzt sitze ich hier und grinse. Zum zweiten Mal habe ich mich heute beim Schreiben selbst überrascht. Denn diesen Gedanken hatte ich am Beginn des Textes noch nicht. Eben das Schöne am Schreiben.

Was möchtest Du Dir von der KI nicht nehmen lassen?

Reflexionsfrage

 

Hab ein überraschendes Wochenende. 😎

Dein André

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