Schreib-Räume
Wir alle durchstreifen täglich unterschiedlichste Räume – auch nachts in unseren Träumen. Aber wie sieht eigentlich der innere Raum aus, den wir beim Schreiben betreten? Sonja lädt ein, ihn bewusst zu erkunden und einzurichten.
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Checkin-Frage

Grüße vom Schreibtisch
Von meinem Schreibtisch aus gesehen, ergibt sich im oberen Fensterausschnitt ein interessantes Szenario. Dunkles Grau schwelt langsam und mächtig über hellere Himmelschichten; die Sonne dahinter sucht sie vergeblich zu durchdringen. Und während ich schreibe, blitzt ein blauer Fetzen zwischen zwei Wolken hervor, die der Wind auseinandergeschoben hat. Graphitschwere, schieferfarbene, lichtgraue Luftmassen schieben sich über Frankfurt.

Ein bewegter Luftraum, denke ich und bin froh, nicht in einem der Flugzeuge zu sitzen, die durch diesen Raum geschaukelt werden.
Hier unten lässt sich davon nur der Wind spüren und kleine Kälteschwaden, die mich beim Spaziergang anwehen. Ich gehe jeden Tag spazieren, egal bei welchem Wetter. Ich brauche das, unterwegs zu sein, den Ort zu wechseln, und sei es auch nur halbestundenweise. Ich könnte auch sagen: ich brauche es, meinen Aktionsradius zu erweitern und neue Gefilde zu durchstreifen.
Wir alle durchstreifen unterschiedlichste Räume, jeden Tag. Und nachts in den Träumen. Lebensräume sind so wichtig. Es wäre interessant, für einen Tag zu notieren, in welchen verschiedenen Räumen man sich aufgehalten hat. Zum Beispiel heute Abend. Fünf Minuten mit Papier und Stift den Tag Revue passieren lassen und auflisten, wo du überall warst. Hier kommt schon die erste Anregung für dich an dem Tag, an dem du diesen Newsletter liest! Eine Liste mit Orten, stichpunktartige Doku deines Tages.
Räume. Auf das Thema bin ich gekommen, weil ich vor ein paar Wochen ein kleines Schreibcoaching bei einer Bekannten hielt, genauer gesagt: bei ihr zuhause. Und beim Betreten des Zimmers dachte ich: hier drückt mich etwas nieder, hier fehlen freie Flächen, hier eröffnet sich ein Labyrinth für meine Gedanken, in dem ich mich verlieren werde. Überflüssig zu sagen, dass das Thema „Platz schaffen“ an oberster Stelle stand.
Schreiben ist auch so ein Raum. Einer, den ich selbst gestalten kann. Ob ich ihn als Schutzraum nehme, um Geheimes dort für mich allein anzusehen oder als Entfaltungsraum, um mich besser kennenzulernen oder als Möglichkeitsraum, um meine tiefsten Wünsche und Träume darin Gestalt annehmen zu lassen. Ich kann ihn und damit mich selbst auf dem Papier verorten. Beheimaten. Machst du das vielleicht schon? Das Thema ist nicht neu unter Schreibenden. (Gibt es neue Schreibthemen? Wenn du eines kennst, schreib es uns gerne. Wir schreiben dann darüber.

Aber die Frage ist ja, wie man und frau den eigenen, imaginären Raum einrichten könnte.
Ein Vorschlag: Entwirf in Gedanken in aller Ruhe einen Ort, der dir und deinem Wesen entspricht, in dem du maximale Freiheit spürst und dich gleichzeitig geschützt fühlst. Vielleicht musst du dazu eine kleine Fantasiereise machen, diesem Ort in deiner Fantasie Raum geben. Mir hat Stille und das Vogelzwitschern vor dem Fenster geholfen, vielleicht liegt dir eher Musik oder Hintergrundgeräusche in einem Café. Du könntest dich fragen, in welche Farbe(n) dieser Ort getaucht ist, ob er hoch oben liegt oder geschützt, wie groß er ist, wie seine Wände beschaffen sind, nach was es dort riecht, wie das Licht hineinfällt und alles, was dir in den Sinn kommt. Wenn du eine Vorstellung hast, wohin du dich gerne zurückziehen möchtest, um bei dir zu sein oder kreativ zu werden, schreibe diesen Raum so detailliert wie möglich nieder. Vielleicht kannst du ihn sogar irgendwann als Ausgangspunkt für eine Geschichte nehmen.
Das klingt dir zu esoterisch?
Dann notiere doch einfach, welche Räume und Orte du besonders gerne durchstreifst und wo es dich hinzieht. In ein bestimmtes Café, auf eine Waldlichtung, zu Freunden in die Küche, ans Meer oder den See, in eine Bibliothek mit lesenden Menschen. Wie wäre es, die Liste selbst ein wenig fortzuführen? Und sie dann vielleicht im nächsten Schritt kreativ zu verarbeiten, zum Beispiel zu einem Gedicht oder einer Textcollage?
Und apropos Räume: In weniger als zwei Wochen betrete ich einen eher symbolischen, von vielen gefürchteten Lebensraum. Zugangscode: die große Sechs und die große Null. Ich, Sonja, werde 60. Unglaublich. Nur der Spiegel nickt weise.
Habe ich Unbehagen vor dem neuen Abschnitt? Nö. Ich bin sehr froh, dass ich schon so viele Jahre leben und Leben genießen darf. Dankbar. Die westliche Welt ist für Frauen (immer noch) ein Raum, in dem es sich bei aktiver Mitgestaltung gut leben und verwirklichen lässt. Trotz der momentanen Politik. Stopp. Politik bleibt draußen. Das ist ein Raum, den ich manchmal gerne von außen abschließen und den Schlüssel im Main versenken würde. Aber das nur unter uns.
An welchen Ort oder Raum der Vergangenheit denkst du gerne zurück?
Reflexionsfrage
Schnapp Dir Stift und Papier und schreibe zehn bis 15 Minuten Deine Ideen dazu auf!
Ich wünsche Dir ein sonniges Wochenende!
Deine Sonja
PS: Wenn Du denkst, ein netter Mensch profitiert von unserem Newsletter, leite ihn doch gerne weiter. So hilfst Du uns! ♥️
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