Aufleben
Sonja schreibt aus York. Und findet Unerwartetes.
Wann hast du dich das letzte Mal in anderen Welten verloren?
Checkin-Frage

Grüße von unterwegs
Ich bin im Nordosten Englands, in York. Achtzehn Grad, Nieselschauer, Wolkenfetzen am Himmel, auf den Wiesen gechillte Schafe, die Meter für Meter die ausgedörrte Wiese abgrasen und …keine Sorge, wir bleiben nicht beim Wetterthema … ich will nur sagen: Unter den neuen Eindrücken, den frischen Temperaturen, zwischen Cottages aus Backstein, gepflasterten Wegen, in Pubs, Gärten, Parks und wo immer mein Auge auch hinblickt; ich lebe auf. Das Stückwerk meines Alltags ist in Frankfurt geblieben. Nicht, dass ich nicht gerne in dem jahrzehntelang gesponnenen Teppich herumfuhrwerke – mich in meinem geliebten Netzwerk verstricke, hier etwas verknote, dort an Fäden ziehe oder, wo es nicht anders geht, welche löse.
Aber den Blick einmal auf andere Leben zu werfen, macht so weit.
Zum Beispiel London. Gigantisch, romantisch, unnahbar.
Und kreativ. Drei Tage war ich in Englands Stadt der Städte und kam aus dem Staunen nicht raus. So viel Inspiration. Ob es die für alle frei zugängliche Tate Britain oder die Tate Modern ist; schon allein die hohen Hallen, dieser Platz in alle Richtungen schafft einen Möglichkeitsraum, in den mensch nicht anders als eintauchen kann. Abends dann im Freilichttheater Shakespeare’s Globe in einer unglaublichen Vorstellung im Flamenco-Stil. Renaissance, die das Herz belebt und in den Füßen kribbelt.
Auf den Straßen die Black Cabs neben Pedicabs (Fahrrad-Rikschas) neben den klassischen roten Doppeldecker-Bus-Giganten. In den Vierteln Backsteinhäuser aus der Viktorianischen Zeit neben den verrücktesten Skyscrapern. Wolkenkratzer, die unsere Frankfurter Skyline wie ein geklontes Glaskastenkabinett aussehen lassen. Ich habe mir vorgenommen, mit anderen Augen durch Frankfurt zu gehen, wenn ich zurückkehre; vielleicht können mich die Widersprüche ja wieder mehr begeistern als irritieren.
Ich könnte jetzt in dem Stil fortfahren; York: am ersten Abend einem A-cappella-Ensemble gelauscht, dessen Stimmen in reinster Schönheit durch das Kirchenschiff flossen. Renaissance-Motetten und Lieder, aus denen man als neuer Mensch auftaucht…
… aber das hier ist ja kein Urlaubsbrief oder Werbeprospekt für England – höchstens einer fürs Erleben. Das Eintreten in neue Welten. Auch in Schreibwelten. Aha, jetzt sind wir beim Thema. Wie gelingt es dir und mir, sich immer wieder selbst zum Schreiben zu inspirieren. Was lässt Worte zu uns kommen oder Ideen für Geschichten oder einfach nur Gedanken, die festgehalten werden möchten.
Anderes Leben. Anderes erleben oder Dinge anders erleben. Schon allein das Wort ist so vielfältig. Statt einfach vor mich hinzuleben, könnte ich alte Schreibprojekte wiederbeleben. Und mit ihnen neue Abenteuer erleben. Oder ich könnte mich in zarte neue Gedankenräume einleben, dort Fuß fassen, um mitzuerleben, welche Szenarien sich ergeben. Ich könnte eine gute Zeit verleben, in dem ich all die fremden Welten in mir und Einflüsse von außen in eine Lebenswelt bringe, eins werden lasse.
Das klingt jetzt so logisch und einfach, aber wir beide wissen, dass die Realität sich nicht nach schlauen Vorsätzen richtet. Vielleicht verfängt der Begriff „Wagnis“ besser oder auch „Mut, sich etwas auszusetzen.“
Mut, eine andere zu sein.
Etwas Neues zu erleben, was mensch sich nicht vorstellen kann, worum wir einen Bogen machen, wovor du dich fürchtest oder Respekt hast.
Und dann darüber schreiben!
Zum Beispiel eine Fahrt durch die Moore zu buchen, in der es zum Teil in Minibussen über enge, einspurige, steilkurvige Straßen geht. Ups, ich schreibe schon wieder über mich. Einer meiner größten Ängste: Höhenangst. Ist aber gebucht. Nicht die Angst, aber die Tour. Keine Ahnung, warum. Oder vielleicht doch – etwas wagen, um der ewigen Rolle des Hasenfußes den Schneid abzukaufen. Und den Mut zu haben, mal für kurze Zeit eine andere zu sein. Ich werde dabei oder darüber schreiben, wenn auch nur in mein Tagebuch. 😊
Welche neue Erfahrung würdest du gerne einmal machen und/oder sie beschreiben?
Reflexionsfrage
Hab ein lebendiges Wochenende! 😎
Greetings from England sendet Dir
Sonja
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