Das Basilikum-Theorem

Eine verdorrte Pflanze erinnert an vergangenes Schreiben. Und André taucht wieder ein.

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Das Basilikum-Theorem

Wo hattest Du zuletzt Recht?

Checkin-Frage

Grüße aus Neapel

Heute schreibe ich mal von unterwegs. Die Welt als Schreibtisch. Erzählen möchte ich aber von daheim: Da hatte ich nämlich neulich eine kleine, zugegebenermaßen etwas fiese innerliche Parade zu feiern. Denn ich hatte Recht behalten. Nach einer Woche in Italien waren mein Mann und ich heimgekehrt und blickten beide auf den verwelkten Basilikum in unserer Küche. Man hätte die Blätter rauchen können. Er zuckte die Schultern, aber ich wusste: Wasser und Liebe würden ihn retten. Was sie auch taten. Einen Tag später strahlte er uns wieder mit saftig grünen Blättern an. Und steht seitdem wie eine grüne Eins in unserem Küchenfenster, um unseren Nachbarn vorzugaukeln: „Hier wird gern gekocht!“

Aha, denkst Du jetzt vielleicht, aber was hat das mit Schreiben zu tun?

Ganz viel – so wie alles eigentlich, wenn man es genau nimmt.

Vor ein paar Tagen bin ich nämlich über alte Texte von mir gestolpert.

Über zehn Jahre her.

Damals schrieb ich ziemlich frech und ziemlich frei über mein Leben als schwuler Mann. Und dachte an manchen Stellen: „So gut war ich mal?“ – an anderen: „So schlecht war ich mal?“ Und dann wieder: „So lala war ich mal?“ Interessante Erfahrung: einmal in das alte erzählende Selbst einzutauchen.

Im Coaching gibt es viele Variationen vom „Brief an Dein zukünftiges Ich“. Das ist eine coole Übung, die wir schreibenden Menschen vielleicht gar nicht gesondert brauchen. Denn eigentlich ist doch jedes Schreiben heute ein Brief an unser zukünftiges Ich. Und jeder Text ist eine Zeitkapsel, die konserviert, wie ich einmal war, was ich dachte, fühlte und was mir wichtig war.

Leichtigkeit zum Beispiel. So lesen sich meine Texte von damals. Furchtlos sogar, wenn ich sehe, wie unverzagt ich früher an mein Lieblingsthema rangegangen bin: scheinbar zusammenhanglose Dinge in einen Zusammenhang zu bringen. Schreibdenkende Akrobatik, die beweist, dass alles mit allem zusammenhängt.

Und genau diese Leichtigkeit, so furchtlos, fühlt sich heute manchmal an wie der Basilikum nach unserem Urlaub: ausgetrocknet, eigentlich schon abgeschrieben.

Aber vielleicht ist sie das gar nicht.

Vielleicht braucht sie nur etwas Wasser.

Was hoffentlich dieser Text für Deinen vertrockneten Basilikum ist. Ich möchte Dich heute nämlich inspirieren, einmal in Deinen alten Texten zu gärtnern und zu schauen, wie Du damals geschrieben hast. Und welchen Teilen Du wieder etwas Licht, Wasser und auch Liebe schenken möchtest.

Denn der Trick bei den Briefen an Dich selbst ist, sie auch wirklich zu lesen.

Und dann darfst Du ernten. Nimm doch mal einen Satz von damals, der Dir heute noch gefällt, und schreib von dort aus weiter. Mal sehen, was dort wächst.

Ich jedenfalls habe beim Lesen gemerkt: Nicht nur beim Basilikum hatte ich Recht. Mein altes Schreib-Ich hatte es auch. Frechheit ist für mich keine Jugendsünde, sondern Elixier.

Daher hier das Basilikum-Theorem, zum Ausschneiden und ans Küchenfenster kleben: Was vertrocknet aussieht, ist oft nur durstig.

Für mich gibt es jetzt noch einen weiteren Caffè, noch ein paar Worte in den Notizblock und dann geht es nachher wieder nach Frankfurt.

Für dich gibt's wie immer eine Frage:

Wo hatte Dein früheres Schreib-Ich Recht – und Du hast nur es vergessen?

Reflexionsfrage

 

Schnapp Dir Deine alten Texte und Stift und Papier. Ich wünsche Dir von Herzen viel Spaß beim (Wieder-)Entdecken.

Hab ein schönes Wochenende!

Dein André

PS: Diese Woche haben Sonja und ich getauscht, nächste Ausgabe übernimmt sie wieder den Stift. 🙂

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